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Moje kázáníčko při výročí 70 let Ackermann-Gemainde v Rottenburgu

19. 11. 2017

Der Österreichische Soziologe Oliver  Frey  behauptet,  dass  man  in  der  heutigen  europäischen  Gesellschaft  im  Prinzip  vier  Sorten  von Kapital  unterscheidet,  die  allerdings  ungleichmäßig  verteilt  sind  -  das  ökonomische,  soziale,  kulturelle  und  symbolische  Kapital.  Ich  bin  der  Ansicht,  dass  das  heutige  Gleichnis  aus  dem  Evangelium  nach  Lukas  über  den  barmherzigen  Samariter  alle  vier  diese  Kapitale  betrifft.

Gibt es  aber  einen  Haken  dabei?  Weiß der  heutige  Mensch,  der  zum  Glauben  nicht  angeleitet  wurde,  wer  ein  Gesetzeslehrer  ist,  wer  ein  Levit,  wer  ein  Mann  aus  Samarien,  welche  Kaufkraft  zwei  Denare  hatten  und  eine  Menge  anderer  Umstände,  die  wesentlich  für  das  Verständnis  der  Pointe  sind?  Er weiß  es  nicht.  Also,  soweit  sich  dieser  Mensch  nicht  sofort  abschrecken  lässt,  muss er  also  jemanden  finden,  der  ihm  eine Erklärung  verschafft,  oder  er  muss  sich  diese  Informationen  selber  heraussuchen.  Darum  ist  eine  Aktualisierung  der  frohen  Botschaft  unentbehrlich,  anders  wird  das  in  ihr  angelegte  Kapital  nicht  investiert  und  wird  die  heutige  Gesellschaft  nicht  ansprechen.

Ein  Kenner  des  Gesetzes,  also  ein  jüdischer  Gebildete,  so  etwas  wie  ein  heutiger  Theologie-Professor,  stellt  im  Evangelium  Christus  seine  Frage:  Wer  ist  mein  Nächster?  Das  war  bei  den  damaligen  Juden  eine  sehr  umstrittene  Sache.  Auch  gute  Juden  verstanden  unter  dem  Begriff  „der  Nächste"  nicht  jeden  Menschen  und  bestimmt  nicht  ihren  Feind.  Darum  antwortet  Jesus  dem  Fragesteller  mit  einem  Gleichnis,  weil  anders  möchte  der  Gesetzeslehrer  die  Antwort  nicht  annehmen.  Schauen  wir  also  zunächst  auf  die  Personen  und  die  Besetzung:

Der erste Zeuge von der Verletzung und vom Überfall des Wanderers war ein Priester,  der  etwa  nach  einwöchigem  Dienst  in  der  Kirche  von  Jerusalem  zurück  nach  Jericho  ging.  Es  war  nicht  seine  Aufgabe  sich  um  den  Körper  zu  kümmern,  sondern  die  Beziehung  zwischen  dem  Menschen  und  Gott  zu  pflegen,  und  so  geht  er  weiter.  Um  den  Körper  des  Menschen  kümmert  er  sich  nicht,  er  hat  doch  seinen  Grund,  einen  anderen  zu  übersehen.  Mit  anderen  Worten  könnten  wir  sagen:  er  ist  Träger  von  symbolischem  Kapital,  das  ökonomische  hat  er  vielleicht  auch  zu  Eigen,  trotzdem  das  soziale  Kapital  fehlt  ihm  völlig.

Der  zweite  Zeuge  war  ein  Levit,  der  dem  Priester  behilflich  war  und  der  sich  um  die  Musik  und  die  Bildung  kümmerte.  Dieser  Mann  durfte  nach  den  jüdischen  Vorschriften  keinen  Verstorbenen  antasten,  weil  dadurch  wäre  er  für  seinen  Kirchendienst  unrein.  Darum  befürchtet  er,  dass  der  Wanderer  nicht  tot  sei  und  geht  weiter,  er  hat  für  sein  Verhalten  einen  Grund.  Er  ist  zwar Träger  vom  kulturellen  Kapital  und  vielleicht  auch  vom  ökonomischen,  aber  das  soziale  Kapital  ist  ihm  fremd.

Der  dritte  Zeuge  ist  ein  Mann  aus  Samarien,  ein  Angehöriger  zu  der,  von  Juden  verachtete  Nation der Samariter.  Dieser  Mann,  wie  jeder  richtige  Wanderer  im  Orient,  trägt  mit  sich  Öl  und  Wein,  also  primitive  Medizin  für  die  Wundbehandlung.  Den  Verwundeten  überführt  er  in  ein  Gasthaus  und  bezahlt  zwei  Denare,  was  einen  Lohn  für  zwei  Tage  Arbeit  eines  durchschnittlichen  Arbeiters  entspricht  und  setzt  seinen  Weg  fort.  Dieser  Akteur  verfügt  als  einziger  über  das  soziale  Kapital  und  hat  als  Einziger  auf  diese  Weise  gehandelt.  Als  einziger  hat  er  verstanden,  dass  sich  die  Liebe  auf  die  Weise  vermehrt,  dass  man  die  Liebe  teilt  und  er  appliziert  es  auch  auf  das  ökonomische  Kapital.

 Wer  ist  mein  Nächster?  Ein  Kenner  des  Gesetzes  fragt  nach  dem  Objekt  seiner  Liebe.  Jesus  fragt  aber  nach  dem  Subjekt  der  Liebe,  d.h.:  Wer  handelt  wie  ein  Nächster?  Der  Gesetzeslehrer  geht  bei  seiner  Frage  von  sich  aus,  Christus  sagt  ihm,  er  soll  von  dem  Leidendem  ausgehen.  Ein  Mensch,  der  in  Not  gerät,  soll  nicht  nur  das  Objekt  unserer  Liebe  sein.  Die  christliche  Liebe  ist  nämlich  eine  Sorge,  dass  der  Nächste  im  Leid  auch  die Liebe  und  Güte  Gottes  erkennt.  Den  Fischen  muss  niemand  erklären,  dass  sie  schwimmen  sollen,  und  den  Vögeln  muss  niemand  sagen,  dass  sie  fliegen  sollen,  während  uns  Menschen  muss  Gott  immer  wieder  erinnern,  dass  wir  lieben  sollen,  das  ist  eben  unser  christliche  Kapital  und  alle  andere  Kapitale,  das  ökonomische,  kulturelle,  soziale  und  symbolische  sollten  in  dessen  Diensten  stehen.  Es  ist  darum  wichtig,  dass  wir nur  durch  die  richtige  Beziehung  zu  Gott  und  zu  den  Menschen  unser  Lebensbild  in  eine gute  Richtung  aufstellen  können.  Diese  Regel:  „Du  sollst  den  Herrn,  deinen  Gott,  lieben  mit  ganzem  Herzen  und  ganzer  Seele,  mit  all  deiner  Kraft  und  all  deinen  Gedanken,  und  deinen  Nächsten  sollst  du  lieben  wie  dich  selbst"  -  ist  die  einzige  Marke  und  Orientierung,  die  wir  dabei  haben,  und  es  liegt  nun  auf  uns  selbst,  ob  wir  dieses Kapital  benutzen  oder  nicht.